Dietmar, ich bin wirklich baff, mit welcher Akribie und Geduld du an dein Projekt heran gehst. Leider bringt diese (eigentlich wünschenswerte) Herangehensweise ein anderes Problem mit sich. Ich befürchte, dass du den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr siehst. 794 verschiedene Schallwände bringen an 794 Stellen Verbesserungen, aber leider an anderen 794 Stellen auch Verschlechterungen. Ein Lautsprecher ist immer ein Kompromiss, den es so klein wie möglich zu halten gilt. Irgendwann ist dabei nach diversen Modifizierungen/Optimierungen eine Grenze erreicht, bei der weitere Optimierungsversuche nur noch marginale Veränderungen bringen. Ist man an diesem Punkt angekommen, bleibt nur der Versuch, aus diesen "bestmöglichen" Messungen ein Gesamtgebilde zu schaffen, bei dem die Fehler so klein wie möglich bleiben.
Sehr gerne nenne ich in diesem Zusammenhang das Beispiel von 10 Kilo Sand, die zu gleichen Teilen auf zwei Behältnisse verteilt sind. Kippst du nun ein Kilo von einem Behälter in den anderen, wird der eine Behälter leichter, der andere schwerer. Es bleiben aber immer 10 Kilo. Da gilt es, die sinnvollste Verteilung zu finden.
In meinen Augen war dein Konstrukt mit oben positioniertem MT gar nicht schlecht. Mein Popometer sagt, dass zwei Dinge den Fehler beim Achsenfrequenzgang des HT stärker gemacht haben, als er hätte sein müssen. Ich GLAUBE, dass die Kante durch die nicht bis nach ganz unten durchgezogene Fase und die Fasenbreite an sich den Frequenzgangfehler begünstigt haben. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass bei linearen Fasen 15-20 mm Breite optimal sind. Das hängt natürlich auch vom verwendeten Chassis und von der Breite der Schallwand ab. Werden lineare Fasen breiter, geht der Schuss in vielen Fällen nach hinten los, und es wird wieder schlechter. Daraus mag ich keine Gesetzmäßigkeit machen, es sind lediglich persönliche Erfahrungswerte.
Am Beispiel der Visaton KE25, die recht linear ist, habe ich dir ein paar mögliche Gegebenheiten nachgestellt. In einem 60cm hohen und 30cm breiten Gehäuse sitzt die Kalotte auf 42cm Höhe unterhalb des Mitteltöners. Das erste Beispiel zeigt aber zunächst einmal den Frequenzgang auf der unendlichen Schallwand, wie Visaton ihn gemessen hat, also ohne Effekte durch den Baffle Step und/oder Kantendiffraktion:
Der Frequenzgang ist nahezu ideal.
Packen wir den HT nun in das oben beschriebene Gehäuse ohne Fasen, sieht es schon ganz anders aus:
Die Kantendiffraktion zerrt am Frequenzgang. Verpassen wir dem Gehäuse nun seitliche Fasen mit 1,5cm Breite (Kathete) verbessert es sich wie folgt:
Die gestrichelte Kurve zeigt zur besseren Vergleichbarkeit die Version Version ohne Fasen. Verbreitern wir nun auf 2 cm:
Es wird wieder etwas anders, ob besser oder schlechter kann man nicht eindeutig sagen. Hier ein wenig mehr, dafür da etwas weniger. Mir gefällt es mit 1,5cm Fasen besser. Weiter geht's mit 2,5cm:
Es ist wieder etwas anders, in meinen Augen etwas schlechter. Ich bin immer noch bei 1,5cm. Also mal schnell 3cm Fasen:
In meinen Augen ist es nun nochmals etwas schlechter geworden, aber der Unterschied zu 2,5cm ist klein. Aber, das ist noch nicht alles. Der HT sitzt auf 42cm Höhe. Verschieben wir ihn nun einmal 2cm weiter nach unten, auf 40cm Höhe. Die Fasen bleiben bei 3cm:
Nun ist es erheblich schlechter geworden...
Wie du siehst, gibt es kein Geheimrezept. Scheinbar kleine Veränderungen können zu recht großen Auswirkungen führen. Solche Simulationen habe ich schon häufig durchgeführt und auf eigene Projekte übertragen. Dazu nutze ich meist einen geraden Strich als "ideal lineares Chassis". Das bildet das reine Verhalten der Einbausituation und der Schallwandgeometrie ab, ohne die Eigenschaften des verwendeten Chassis einzubeziehen. So kann man wenigstens die theoretisch beste Situation herausfinden. All das kann aber auch verdammt schnell nach hinten losgehen. Denn solche Simus berücksichtigen nicht die Geometrie des Chassis selbst. Es gibt z. B. HT deren Kalotte flach auf der Frontplatte sitzt und frei über sie herausragt. Bei anderen HT sitzt die Kalotte in einer kleinen Vertiefung bzw. Schallführung. Schrauben, die auf der Frontplatte des HT aufliegen und nicht versenkt sind? All diese Dinge können Simulationen mit einem scheinbar idealen Chassis nicht abbilden. Man muss halt auch sehr viel Glück dabei haben. Ich habe schon das eine oder andere Projekt eingestampft, weil die Realität ganz anders aussah, als die Simu mit ideal glatten Frequenzgängen es vorausgesagt hatte.
Das alles gilt natürlich nur für reine Schallwandsimulationen, wie sie hier abgebildet sind. Simulationen mit selbst gemessenen Dateien stimmen i. a. R. fast deckungsgleich mit der Realität überein, sofern die Erfassung und Aufbereitung der Dateien korrekt erfolgte.